Kunst im Stadtraum

Die "Eimerfrau" von Martin Kirstein, "Ein Rahmen für Geschichten" von Josef Nadj oder der "Kopf mit 7 Figuren" von Horst Antes - hier gibt es so einiges zu entdecken

Kunst im Stadtraum

Ein wichtiger Aspekt der 1972 begonnenen Stadtkernsanierung ist die Integration künstlerischer Beiträge.


Neben historischen Erinnerungsstücken wie römische Steindenkmäler, Eisengussplatten, Wegsteine und kunsthandwerklichen Arbeiten sollen vor allem Kunstwerke unserer Zeit dieser Stadt ein unverwechselbares Gepräge verleihen.

 

Die Initiative für die Kunst im Stadtraum ist von Architekt Heinz Rall (BDA Dipl.Ing.) ausgegangen. Er hat mit der Gründung des Vereins "Bürgerstiftung Kunst für Güglingen" eine Institution geschaffen, die es erstmals möglich gemacht hat, der so genannten Kunst am und im Bau eine Plattform in Güglingen zu schaffen.

 

Viele dieser Arbeiten wurden für die jeweilige Aufgabe geschaffen und sind unmittelbar mit den Bauwerken verbunden. Künstlerische Ausdrucksformen werden wieder in unseren Lebensraum einbezogen.

 

Mehr über die "Bürgerstiftung Kunst für Güglingen" erfahren Sie hier.

Die Neuauflage der Broschüre "Kunst im Stadtraum" gibt es hier als digitale Version
Die Neuauflage der Broschüre "Kunst im Stadtraum" gibt es hier als digitale Version

Die Kunst im Stadtraum in Stichworten: eingeplant und doch offen für Planänderungen (die immer wieder den unermüdlichen Einsatz der Fürsprecher brauchen), historische Zeitschichten wie zeitgenössische Positionen einbeziehend, flexibel neue Anregungen aufgreifend, auffordernd,
auch provozierend, noch immer werdend...
Die historischen Schichten sind nicht nur über die Gebäude erkennbar, sie verstecken sich auch in Objekten: Gehen Sie mit offenen Augen auf Spurensuche. Sie werden römische Viergöttersteine und Reliefs, mittelalterliche Grenz- wie Inschriftensteine fi nden. Das Weiterdenken schlägt sich nicht zuletzt in der Tätigkeit der Bürgerstiftung „Kunst für
Güglingen“ nieder. Begründet 1981 von Heinz Rall, dem damaligen Bürgermeister Manfred Volk und dem damaligen Pfarrer Werner Marquard, hat sie die Güglinger Kunstsammlung seither durch viele Ankäufe aus den zweimal jährlich stattfi ndenden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst immer wieder erweitert. Daneben ist es ihre Aufgabe, Kunst und Bürger miteinander in Kontakt zu bringen.

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Am Marktplatz

Rund um die alte Dorflinde reihen sich die entscheidenden Momente der Stadtentwicklung wie eine Perlenkette, hier lässt sich ein halbes Jahrtausend Baugeschichte ablesen: von den imposanten Fachwerkbauten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts über das alte Rathaus (heute Römermuseum) und die Mauritiuskirche, die nach den großen Stadtbränden 1849/1850 entstanden sind, bis hin zum neuen Anbau des Rathauses von 1986 und zur „Taberna Romana“ des Römermuseums von 2008.

Der Rundumblick zeigt die „Wachstumsringe“ dieser Stadt und wie jede Epoche versucht hat, ihr ein neues Gesicht zu geben.

Vier Jahreszeiten

Dieses Kunstwerk will wie die zentrale Linde umkreist, „erlaufen“ werden. Nur ein Blickwinkel genügt nicht, es zu erfassen. Beim Umrunden verdeutlicht es den immerwährenden Wandel, das Werden und Vergehen.

Einige Elemente sind direkt der Natur abgeschaut, andere recht frei gestaltet. Die Plastik steht in einer langen Tradition sogenannter Personifikationen, mit symbolischen Elementen versehenen Figuren, die eine abstrakte Idee verbildlichen. Hier bringen sie den Zyklus des Lebens (der Natur wie des Menschen?) vor Augen: Erblühen, Frucht hervorbringen, sich unter eine schützende Eisschicht zurückziehen – und wieder grünen.

Objekt Nr. 1: Ursula Stock, Vier Jahreszeiten, Bronze 1989
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Objekt Nr. 1: Ursula Stock, Vier Jahreszeiten, Bronze 1989

Daphne

Mensch, der zum Baum wird? Baum, der zum Menschen wird? Es ist die Geschichte der Nymphe Daphne, die vor ihrem Verehrer Apoll flieht und ihren göttlichen Vater um Hilfe bittet. Er rettet sie, indem er sie in einen Baum verwandelt! Der Verehrer kann als Symbol der verlorenen Liebe nur noch einen Lorbeerzweig erhaschen, der fortan zu seinem Erkennungszeichen wird.

Diese Verwandlung hat Künstler immer wieder gereizt. Von Ralph Nieling wurde sie im Rahmen der Aktion „Kunst entsteht, Begegnung vor Ort“ direkt an Ort und Stelle aus dem Stein gehauen. Wie treffend, dass die Figur aus der antiken Mythologie sich vor dem Römermuseum eingefunden hat!

Objekt Nr. 2: Ralph Nieling, Daphne, Sandstein 2007
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Objekt Nr. 2: Ralph Nieling, Daphne, Sandstein 2007

Tanz ums goldene Kalb

Die biblische Erzählung von der Götzenanbetung der Israeliten ist sprichwörtlich geworden. Der „Tanz ums goldene Kalb“ ist eine Metapher für die Verehrung materieller Güter. Die zwei Medaillons sind über den Säulen zum Empfangsraum der Sparkasse angebracht: Der Besucher sieht das tanzende Paar, der Mitarbeiter den Tanz um das Goldene Kalb. So sind sie zwar unscheinbar, aber unverhohlen in der Aussage.

 

Objekt Nr. 3: Klaus Henning, Tanz ums Goldene Kalb, Bronze 1989
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Objekt Nr. 3: Klaus Henning, Tanz ums Goldene Kalb, Bronze 1989
Objekt Nr. 3: Klaus Henning, Tanz ums Goldene Kalb, Bronze 1989
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Objekt Nr. 3: Klaus Henning, Tanz ums Goldene Kalb, Bronze 1989

Walnuss

Dass der Künstler aus einer Bildhauerfamilie stammt, die mit Material und Materialität umzugehen weiß, sieht man, und man kann dem mit Händen nachspüren.

Vom Baum ist eine Frucht gefallen und aufgeplatzt. Die raue, abweisende Schale gibt einen weich geformten, trotz des harten Steins verletztlich wirkenden Kern preis, der an ein menschliches Organ erinnert. Oder ist es doch „nur“ eine gewöhnliche Walnuss? Doch müsste hier nicht eigentlich eine Kastanie liegen?

Dabei passen beide Motive – die schützende Hülle und die Nuss an sich – wunderbar vor den Eingang einer Kirche. Die christliche Kunst kennt viele Bilder des Schützens, Umfassens und Behütens. Auch der Gegensatz harte/bittere Schale versus weicher/süßer Kern hat eine bildliche Entsprechung in der Sakralkunst, nämlich die Mandorla, also den mandelförmigen Strahlenkranz, der auf vielen mittelalterlichen Gemälden Christus umgibt.

Objekt Nr. 4: Jörg Failmezger, Walnuss, Granit und Kalkstein 1997
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 4: Jörg Failmezger, Walnuss, Granit und Kalkstein 1997
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Mauritiuskirche

Von außen fällt die Strenge der den Marktplatz dominierenden Kirche auf. Sie wurde nach dem Stadtbrand 1850 im sogenannten Kameralamtsstil neu errichtet: sparsam, wie es sich für eine echte Württembergerin gehört.
Aber bleiben Sie auf keinen Fall draußen stehen, sondern treten Sie ein! Selten bieten Außen- und Innenraum einen so spannenden Kontrast!
Mehr Demokratie wagen! Diese im politischen Kontext gefallenen Worte sind ebenso für den Kirchenbau der Nachkriegsmoderne gültig: Heinz Rall schuf mit dem Umbau 1976/77 einen Gemeinschaftsraum ganz im Sinne theologischer und architektonischer Bestrebungen der evangelischen Kirche jener Zeit, Raum für Gottesdienst, Feiern, Theater,...

So schlicht und rational das „Mobiliar“ ist – in dieser Beziehung verwandt zum Stil des Äußeren –, so mannigfaltig sind die Eindrücke, die die künstlerische Ausstattung des Innenraumes bietet, inhaltlich wie technisch: Tafel- und Wandmalerei, Glasfenster, Mosaike, eine Bronze.
Das zentrale und wohl auch bekannteste Stück ist das Güglinger Palmtuch. Warum es sich Tuch nennt? Die Bezeichnung geht auf ein traditionelles liturgisches Ausstattungsstück zurück: Sogenannte Palm- oder Fastentücher (auch Schmachtlappen!) waren dazu gedacht, in der Fastenzeit Bildnisse Jesu – meist das Altarkruzifix – zu verhüllen, und wurden im Chorraum der Kirchen aufgehängt.
Ein solches, mit biblischen Szenen geschmücktes Tuch aus dem späten Mittelalter war mit dem Stadtbrand in Güglingen zerstört worden. Allerdings hatte der damalige Pfarrer Klunzinger es noch kurz vor der Brandkatastrophe beschrieben. Anlässlich der 800-Jahr-Feier der Ersterwähnung von Güglingen wurde 1988 das neue Palmtuch in Erinnerung an das historische Stück feierlich eingeweiht.

Palmtuch

Das neue Palmtuch verdankt sich 40 „Bildspenden“, die Heinz Rall bei Zeitgenossen angefragt hatte. Anders als das alte Tuch stammt dieses also nicht aus einer, sondern aus 40 Händen bzw. Pinseln. Es zeigt damit bewusst, wie vielfältig die Stile und die Möglichkeiten der Interpretation sind.

Die oberen drei Zeilen zeigen die vom alten Palmtuch bekannten Szenen aus dem Alten Testament. Finden Sie die Erschaffung Adams? Die nächsten Zeilen sind dem Neuen Testament gewidmet, von der Geburt Jesu (kleiner Tipp, der Ochse ist mit im Bild!) bis zum Pfingstwunder. Eine abstrakte Komposition wie die der Kreuzigung ist ebenso möglich wie die symbolische der Auferstehung (der Schmetterling als Seelensymbol).

Objekt Nr. 5: Palmtuch, Öl & Mischtechnik auf Leinwand, 1988
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 5: Palmtuch, Öl & Mischtechnik auf Leinwand, 1988
Kunst Mauritiuskirche
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Medaillon

Ein zartes Relief und mehrere Farb- sowie Blattgoldschichten verleihen den Oberflächen der Medaillons entlang der Wände Lebendigkeit und erinnern an kostbare Mosaizierungen.

Heute treten die Felder als Konsole für die den modernen Raum bestimmenden Holzträger auf. Gleichzeitig markieren sie die Stellen, an denen einst die Emporen auflagen.

Dargestellt sind tradierte und neu ausgelegte christliche Symbole. Hier z. B. die einander überlagernden griechischen Buchstaben Chi (X) und Rho (P) – die grafisch aufgefasste Abkürzung steht für das Wort Christus in der griechischen Schreibweise. Gegenüber sind erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets zu sehen – das sprichwörtliche A und O, mit dem sich Christus in der Bibel gleichsetzt.

Objekt Nr. 6: Ursula Stock, Medaillon, Farbe und Blattgold auf Putz 1978
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 6: Ursula Stock, Medaillon, Farbe und Blattgold auf Putz 1978

Wandgraphiken

Ein Saxophonist, eine Flötistin, ein Gitarrist in einer Kirche? Warum nicht? Wie andernorts Heerscharen musizierender Engel Freude und Festliches in den Kirchenraum holen, so tun es hier ganz weltliche Zeitgenossen. Die fröhlichen, farbintensiven, dynamisch sich über die Wandflächen ausbreitenden Bilder bestimmen maßgeblich die Wirkung des Raumes. Dabei hat Lude Döring, der zeitlebens die menschliche Figur ins Zentrum seiner Arbeit gestellt hat, nicht nur profane Motive über die Wände verteilt. Der Regenbogen als traditionelles Bild der Verbindung zwischen Gott und dem Menschen fi ndet sich ebenso wie das abstrakte Ewigkeitssymbol.

Die an das berühmte vatikanische Deckengemälde Michelangelos erinnernden, einander berührenden Hände gemahnen an die Dreifaltigkeit.

Alles, das Sakrale wie das Profane, wird aber zusammengehalten von der Klammer einer zeittypischen Grafik, die Sie durchaus an Werbung der 1960er-/1970er-Jahre erinnern darf.

Objekt Nr. 7: Lude Döring, Wandgrafiken, Mineralfarbe auf Putz 1977/78
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Objekt Nr. 7: Lude Döring, Wandgrafiken, Mineralfarbe auf Putz 1977/78

Kruzifix

Wo in anderen Kirchen ein monumentales Kruzifix den Altarraum ziert, ist dasjenige der Mauritiuskirche vergleichsweise klein und zurückhaltend. Aber umso eindringlicher, wenn man sich ihm nähert und es in allen Details betrachtet.

Es ist kein über den Tod triumphierender, gekrönter Christus. Auch kein blutüberströmter, schmerzverzerrt dreinblickender Sterbender. Wohl aber ein Mensch, dessen körperliche Versehrtheit deutlich abzulesen ist an dem ausgemergelten Leib und nicht zuletzt an den überdimensionierten Gliedmaßen, vor allem an den übergroßen, expressiv ausgestreckten Händen.

Jede Epoche hatte ihre Art, den Kernmoment der christlichen Glaubenslehre zu verbildlichen. So zeichnen Darstellungen des Kreuzestodes auch ein Stück Ideengeschichte nach: Christus als König und Sieger, zu dem man aufblickt; Christus als leidender Mensch, in dessen Schicksal man sich einfühlen soll, um eigenes Handeln zu überdenken;...

Stillings Gekreuzigter trägt mehrere Grundmotive seines künstlerischen Schaffens in sich: die Gebundenheit, das Gefangensein und die Verletzbarkeit des menschlichen Körpers (und Daseins?), die oft an Händen und Kopf zum Ausdruck kommen.

 

Objekt Nr. 8: Gunther Stilling, Kruzifix, Bronze 1977
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Objekt Nr. 8: Gunther Stilling, Kruzifix, Bronze 1977

Glasfenster

Es gibt kaum eine Kunstgattung, die so eng mit dem Kirchenraum verbunden ist wie die Glasmalerei. So durften auch bei der Neugestaltung Buntglasfenster nicht fehlen. Folgerichtig wurde damit Gerhard Dreher beauftragt, einer der vielbeschäftigtsten Künstler dieser Gattung in den 1960er- bis 1980er-Jahren im Südwesten. Seine Güglinger Arbeiten zeichnen sich durch eine grafische, linienbetonte Komposition und feine Farbabstufungen aus. Auch hier schwingt überall christliche Symbolik mit, z. B. in Form des Davidsterns, benannt nach dem hebräischen König, aus dessen Hause der Überlieferung nach Jesus stammte – den „Davidsohn“ kennen Sie vielleicht aus einem Weihnachtslied.

Objekt Nr. 9: Gerhard Dreher, Glasfenster Bleiverglasung mit Antikglas, 1977
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 9: Gerhard Dreher, Glasfenster Bleiverglasung mit Antikglas, 1977
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Rathaus

Auch das heutige Rathaus spiegelt den Grundgedanken der Sanierung wider: Das Alte wurde nicht durch Neues ersetzt, sondern in dieses integriert.

So schmiegt sich das neue Rathaus um den ortsbildprägenden, stattlichen Bau des ehemaligen Amtshauses von 1592. Hier verwaltete der Vogt das seit dem 14. Jahrhundert bestehende Amt Güglingen.
Entsprechend der Bedürfnisse einer modernen Stadt
und ihrer Stukturen mussten die Räumlichkeiten erweitert, effizienter und flexibler gestaltet werden – der 1983–88 realisierte Komplex erhielt dabei für diese Zeit ungewöhnliche, wegweisende Elemente, u. a. ein verschiedensten Aktivitäten dienendes Atrium und großzügigen Ratssaal – der „spiritus rector all dessen“ wurde von Ursula Stock in einem Relief im Atrium verewigt.

Persil bleibt Persil

Fünf Damen recken ihr Kinn zur Sonne, die Augen genießerisch geschlossen oder mit einer Sonnenbrille geschützt. Sie sehen nicht aus, als würden sie sich von irgendetwas stören lassen. Die Arme sind vor der Brust verschränkt – selbstbewusst, selbstzufrieden, stolz, rechthaberisch, in sich ruhend? Gesprochen wird nicht. Worüber aber herrscht so ein stillschweigendes Einverständnis?

Guido Messer ist ein (messer)scharfer Beobachter menschlicher Eigenarten. In Betrachtung seiner Werke fühlt man sich oft im Menschlichen, allzu Menschlichen ertappt. Schmunzeln ist erlaubt und gewollt! Nicht selten hebt er diese Eigenschaften auf einen Sockel, stellt Büsten auf Bildhauerböcke und veranschaulicht damit gleichzeitig echtes Leben und Kunstschaffen.

Die Figurengruppe steht auch an anderen Orten. Aber vor dem Güglinger Rathaus passt sie mit dem Appell an die „Einigkeit“ im Titel besonders gut – man denke an die Entscheidungen, die hier zu treffen sind! Ob der Untertitel mit den akkurat gebügelten und gebleichten Kragen zu tun hat? Oder doch eher als Homage an Elly Heuss-Knapp gedacht ist, die patente Gattin des wichtigsten Sohnes der Nachbarstadt Brackenheim (denn ihr wird der Werbeslogan zugeschrieben)? Finden Sie Ihre eigenen Antworten!

Objekt Nr. 10: Guido Messer, Einigkeit macht stark – Persil bleibt Persil Bronze, Stahl, Lackfarbe 1992/93
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 10: Guido Messer, Einigkeit macht stark – Persil bleibt Persil Bronze, Stahl, Lackfarbe 1992/93

Tapisserie

Ritzi Jacobi zählt spätestens seit ihren Arbeiten auf der Biennale in Venedig 1970 zu den wichtigsten Vertretern der Textilkunst. Dabei setzt sich die Künstlerin, die an der Bukarester Kunstakademie Textilgestaltung studiert hat, intensivst mit den Eigenarten der verschiedenen textilen Materialien auseinander und lotet deren Möglichkeiten aus. Aus der Wiederholung gleichartiger Elemente, die in filigraner Detailarbeit entstehen (umwickeln, flechten, drehen,...), fügen sich räumliche, raumgreifende Gebilde, die ihre Umgebung mit einbeziehen bzw. auf sie reagieren. Hier z. B. auf die Rundung, der sich die wogenden Schichten der Tapisserie anpassen.

Objekt Nr. 11: Ritzi Jacobi, Tapisserie, Textilrelief aus Kokosfaser, Baumwolle 1988
Objekt Nr. 11: Ritzi Jacobi, Tapisserie, Textilrelief aus Kokosfaser, Baumwolle 1988

Lebensbaum

In Ursula Stocks eigenen Worten:

„WELT, Pflanze, Tier und Mensch –

eine abhängige Metamorphose.

Weltkugel, Raumkugel, BAUMkugel

blattlos, verzweigt,

ein Geflecht

mit Durchblick und Ausblick.

Ein VOGEL, halb drinnen, halb draußen –

gefangen und frei.

Ein KIND, mit der Lebensquelle WASSER,

am Fuße des Baumes.

Die FRAU, in sich ruhend.

In staunender Stille entsteht neues Leben. –

Fruchtfülle – Fruchthülle.

Der MANN, nach den Sternen greifend.

Mit Bändern gerüstet und verspannt.

Gefährlich und gefährdet.“

Objekt Nr. 12: Ursula Stock, Lebensbaum, Bronze 1988
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Objekt Nr. 12: Ursula Stock, Lebensbaum, Bronze 1988
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Deutscher Hof

Der noch heute gebräuchliche Name des Areals deutet auf einstige Besitzungen des Deutschen Ordens in Güglingen. Tatsächlich lässt sich dieser neben zahlreichen Klöstern und anderen Institutionen im 16. Jahrhundert als Bezieher von Zehnteinnahmen nachweisen. Die Bauwerke rund um den Platz sind Zeugnisse der verschiedenen Zeitschichten, die Güglingen sein spezifisches Gesicht geben: Die heute mit einem malerisch-romantischen „Wehr“Gang versehenen alten Mauerreste verweisen auf den Status einer Stadt, die sich den Bering als äußeres Zeichen gab. Die Herzogskelter ist ansehnliches Dokument der vier Jahrhunderte andauernden Ära als württembergische Amtsstadt.

Wassertierbrunnen

Brunnen waren seit Alters her zentrale Orte, an denen man zusammenkam. Sie dienten der Wasserversorgung genauso wie der Ortsverschönerung und der Repräsentation – werfen Sie auch einen Blick auf den alten Güglinger Brunnen mit dem das Stadtwappen haltenden Fischweibchen gleich hier um die Ecke!

Das wasserspendende Zentrum des 2021 neu auf dem Platz arrangierten Brunnens, an dem Sie sich gerade befnden, kommt nicht mit großem Gestus daher, sondern bescheiden, klein und fein. Humorvoll wird mit dem Thema umgegangen, indem eher selten für diesen Zweck eingesetzte Tiere wie ein Frosch oder ein Walross das belebende Nass in die Stadt fließen lassen.

Objekt Nr. 13: Wolfgang Knorr, Wassertierbrunnen, Bronze 1988
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 13: Wolfgang Knorr, Wassertierbrunnen, Bronze 1988

Güglinger Bacchus

Wen (oder was?) haben wir hier vor uns? Pockennarbig – oder nur unrasiert? Erhobenen Hauptes, schielend und doch den Blick weit in die Ferne gerichtet. Den muskulösen Hals auf einer labilen Konstruktion, die grobe, abstoßende Physiognomie gerahmt von Weinlaub und Trauben...

Jürgen Goertz, der Schöpfer des „Kuh-riosum“ in Bietigheim-Bissingen, stellt hier sein Gefühl für spannungsreiche Gegensätze unter Beweis. Er führt den griechischen Gott des Weines nicht als gemütlichen Genießer vor, nicht als beschwiptsten Jüngling wie einst Michelangelo, sondern als gezeichneten Gott des Rausches, aber auch des Schöpfungsdrangs – man bemerke die beflügelten Gedanken!

Objekt Nr. 14: Jürgen Goertz, Güglinger Bacchus, Bronze auf Granitsockel 1985
Objekt Nr. 14: Jürgen Goertz, Güglinger Bacchus, Bronze auf Granitsockel 1985
Objekt Nr. 15: Lee Babel Keramikembleme, Waschbeton/Keramik 1979
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 15: Lee Babel Keramikembleme, Waschbeton/Keramik 1979
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Keramikembleme

Ein Kennzeichen der 1980er-Jahre-Architektur ist das Verwenden traditioneller Forme(l)n in neuen Zusammenhängen. Eine dieser Formeln ist die Arkade entlang einer Ladenzeile, zu der oft der künstlerische Schmuck der Zwickelfelder gehört. Lee Babels Spiel mit den Ausdrucksmitteln der Kunst, mit geometrischen Formen, mit Fläche und Raum, mit Farben und mit Materialien ist eine zeitgenössische Interpretation des Themas.

Viergötterstein

Genau genommen handelt es sich hier um zwei Objekte, die eine vielsagende Verbindung eingegangen sind. Das „Fundament“ bildet der Abguss eines Viergöttersteins aus der späten Römerzeit, der Merkur, Herkules, Minverva und Juno zeigt. Er ist Teil einer sogenannten Jupiter-Giganten-Säule, einer Art künstlerischen Propaganda-Instruments zur Verbreitung der römischen Glaubenswelt in der Provinz, die man 1968 in Walheim entdeckt hat.

Der römische Bildhauer hat damals wie viele nach ihm den Stein als Material für eine bestimmte Form und eine bestimmte Aussage genutzt. Anders versteht das Willmsen Kubach Team aus Bad Münster den Stein: Seine Steinzeitung ist „Anschauungsmaterial des Steins“, so die Künstler, also eine Form, die den Stein zum Sprechen bringt.

Er selbst erzählt: von seiner Entstehung, seiner Herkunft, von Millionen von Jahren Erdgeschichte,... Die Form der Zeitung ist nur der Rahmen, in dem der Stein diese Kunde bringen kann – nicht umsonst wurde einst das Wort „Zeitung“ synonym für Mitteilung, Neuigkeit, Kunde gebraucht.

 

Objekt Nr. 16: Willmsen Kubach Team, Viergötterstein mit Steinzeitung, Buntsandstein, Marmor 1982
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 16: Willmsen Kubach Team, Viergötterstein mit Steinzeitung, Buntsandstein, Marmor 1982

Güglinger Uhr

Wer kennt sie nicht, die Momente, in denen die Zeit sich gefühlt ins Unendliche dehnt. Oder umgekehrt diejenigen, in denen die Uhrzeiger zu rasen scheinen. Hier gibt es keine Zeiger, und die digitalen Ziffern sind von der Braunschweiger Atomuhr gesteuert – für Präzision ist also gesorgt.

Aber Walter Giers hat eine Möglichkeit gefunden, jenes Gefühl der nicht gleichmäßig verstreichenden Zeit zu veranschaulichen. Pünktlich zu jeder vollen Minute erscheint ein Lichtsignal. Zudem aber entscheidet ein Zufallsgenerator darüber, wann ein solches Signal unabhängig der zeitlichen

Logik aufblitzt. Dabei ist es eine Art Lichttropfen, der zuerst von der Zeitanzeige aus die „Rinne“ hinabfließt, um sich dann in den Platz zu ergießen: Dort sind im Pflaster Glasbausteine eingelassen, die in zeitlichem Versatz aufleuchten. Michael Trieb sprach von einer „Uhr, deren Zeitimpuls bis in den Platz zuckt“.

Objekt Nr. 17: Walter Giers Güglinger Uhr, elektronische Uhr, Glühbirnen, Plexiglas u. a. 1982 Ergänzung durch Anzeigen für Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit 1983
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Objekt Nr. 17: Walter Giers Güglinger Uhr, elektronische Uhr, Glühbirnen, Plexiglas u. a. 1982 Ergänzung durch Anzeigen für Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit 1983

Figurengruppe

Hausfiguren sind nichts Unübliches in Baden-Württemberg. Allerdings sind sie normalerweise ein Markenzeichen für katholische Gegenden, zeigen Maria oder einen anderen Heiligen und stammen aus lange vergangener Zeit. Doch wir befinden uns im protestantisch geprägten Zabergäu, die Figuren schmücken einen modernen Bau und haben rein gar nichts Heiliges an sich, selbst das Menschliche ist nicht ganz eindeutig.

Die Verbindung von Figürlichem und Geometrischem ist ein Markenzeichen des Berliner Künstlers Joachim Schmettau. Er gehörte in den 1970er-Jahren zur Berliner „Gruppe Aspekt“, die einen neuen Realismus propagierte und sich von den abstrakten und informellen Arbeiten der vorausgegangenen Generation zu lösen suchte. Ein weiteres Charakteristikum von Schmettaus Arbeiten ist die extreme Glätte der Oberflächen.

Diese Aspekte finden sich auch bei einem seiner bekanntesten Werke: Wer den Erdkugelbrunnen auf dem Breitscheidplatz in Berlin besucht – dort charmant als „Wasserklops“ bezeichnet –, wird die beiden Güglinger Kinder dort wiederfinden!

Objekt Nr. 18: Joachim Schmettau, Figurengruppe Sandstein, Bronze 1982/83
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Objekt Nr. 18: Joachim Schmettau, Figurengruppe Sandstein, Bronze 1982/83
Objekt Nr. 18: Joachim Schmettau, Figurengruppe Sandstein, Bronze 1982/83
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Objekt Nr. 18: Joachim Schmettau, Figurengruppe Sandstein, Bronze 1982/83

Weinbrunnen

Güglingen ist vielleicht nicht das Land, in dem Milch und Honig fließen, aber doch immerhin Riesling und Lemberger!

Städtebau zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nur Architektur bedenkt, sondern auch umbauten Raum, flexible Räume schafft für unterschiedliche Bedürfnisse. Ein solcher ist der neue Deutsche Hof nach der Stadtkernsanierung geworden, der Weinbrunnen ist sein „berauschender Mittelpunkt“, wie es die Künstlerin Ursula Stock formulierte. Um ihn herum versammeln sich Menschen zu den unterschiedlichsten Anlässen, der Brunnentrog und die gestaffelten Sitzmöglichkeiten bzw. Podeste sowie der freie Platz bieten viele Möglichkeiten der Begegnung und des Verweilens.

Das Thema Fruchtbarkeit wird beim Weinbrunnen in verschiedenen Aspekten durchgespielt: ein Zwitterwesen aus Mann und Frau, aus Mensch und Natur, ein Traubenmensch, der an antike Darstellungen der vielbrüstigen Artemis (Ephesia), der Göttin der Jagd, aber auch der Frauen und Kinder, erinnert.

Objekt Nr. 19: Ursula Stock, Weinbrunnen, Bronze 1979
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Objekt Nr. 19: Ursula Stock, Weinbrunnen, Bronze 1979

Herzogskelter

Der imposante Baukomplex der Herzogskelter entstand 1568–72 unter den württembergischen Herzögen Christoph und Ludwig. Das Gebäude diente sowohl der Produktion des Weines in der Kelter als auch dessen Lagerung in ausgedehnten Kellern. Sie fassten bis zu 2000 Eimer Wein – wohlgemerkt keine neuzeitlichen Eimer, sondern das alte württemb. Maß, also gut 300 l pro Eimer! Die Sanierung konnte das

konstruktive Gefüge und den Dachtuhl erhalten. Doch das Innere hat eine völlig neue Ausstattung erhalten, die die Räumlichkeiten einer zeitgemäßen Funktion zugänglich macht: Hotel, Gaststätte, Aufführungs- und Festsaal. Denn es sind nicht nur bauliche Maßnahmen, die zum Gelingen einer Sanierung beitragen, sondern vor allem zukunftsweisende Konzepte der Nutzung. Ohne sie wäre die Kelter 1979 nicht zu retten gewesen.

Wandbild

Der Bauteil, der heute Gaststätte und Hotel beherbergt, diente ursprünglich als Bandhaus, also als Aufbewahrungsort für das Keltergeschirr. Die Geräusche und Gerüche in diesen Räumlichkeiten haben sich stark verändert. Der heutigen Nutzung entsprechend wurde auch die Atmosphäre durch Kunstwerke verändert, die Räume wurden zu anregenden Orten der Muße gestaltet.

So fi nden sich hier – wie übrigens an mehreren anderen Stellen in Güglingen – Glasfenster und Wandmalereien der in Güglingen beheimateten Künstlerin Ursula Stock. In ihrem Werk sieht man häufig pflanzlich-menschliche Zwitterwesen – aus der vegetabilen Natur entsprungen, in diese übergehend? In jedem Fall eine fruchtbare Verbindung. Denn die Figur, die sich in einer Fensternische des heutigen Frühstückraumes im 1. Obergeschoss befindet, spricht/atmet Rosenblüten. Sie erinnert an die Vier Jahreszeiten auf dem Marktplatz, aber ebenso blitzen in ihr mythologische Figuren auf, z. B. Flora, Göttin der Blüte, oder Zephyr, milder Wind und Frühlingsbote.

Die meist floralen Motive der Bleiglasfenster bringen unterschiedlichste farbige Reflexe in die Räume und beleben so das Innere auf eine ganz eigene Art.

 

 

Objekt Nr. 20: Ursula Stock, Wandbild, Wandmalerei auf Putz 1981
© ulrichengert.de
Objekt Nr. 20: Ursula Stock, Wandbild, Wandmalerei auf Putz 1981
Bild I
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Bild I
Objekt Nr. 21: Ursula Stock, Wandbilder, Wandmalerei auf Putz 1981 Bild II
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Objekt Nr. 21: Ursula Stock, Wandbilder, Wandmalerei auf Putz 1981 Bild II
Bild III
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Bild III
Bild IV
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Bild IV

Die vier Wandbilder

Wie das Bandhaus wurde auch der große Kelterraum gänzlich einer zeitgemäßen Nutzung zugeführt. Heute ist er glänzender kultureller Mittelpunkt der Stadt, der mit Bühne und flexiblem Mobiliar Güglinger und Auswärtige bei Kammerkonzerten, Theater, Kabarett oder Banketten zusammenführt und den Veranstaltungen einen angemessenen Rahmen verleiht.

Die vier Wandgemälde von Ursula Stock weisen – ein durchgehender roter Faden der Stadtkernsanierung – in die Vergangenheit wie in das Jetzt. Neues und altes Güglingen finden sich hier symbolisch repräsentiert.

In Bild I sind zwei Figuren erkennbar – ein Mann und eine Frau? –, maskiert, verkleidet, sich wandelnd. Sie spielen an auf die Verwandlungen, die hier stattfinden, die Rollen, die auf der benachbarten Bühne eingenommen werden.

Kommen Ihnen Elemente in Bild II bekannt vor? Der verglaste Erker, die Reihung giebelständiger Häuser – ganz recht, hier wurde die Neugestaltung des Ortskerns während der Stadtkernsanierung stilisiert ins Bild gesetzt. Die Versatzstücke aus dem modernen Stadtraum sind eine Art

Phönix aus der Asche, denn im Hintergrund werden die verheerenden Stadtbrände der Jahre 1849/50 angedeutet.

Wie viele Gebäude diese in Mitleidenschaft gezogen haben, lässt sich an Bild III erahnen, wo rechts oben die zerstörten Bauten dunkler markiert sind. Wie im Stadtraum oder wie in einer Schatzkarte finden sich weitere Hinweise auf die regionale Geschichte: Burg Blankenhorn im Wald südlich von Güglingen, das Fischweibchen auf dem alten Marktbrunnen, das Fachwerk des „Storchennest“ genannten Hauses in Frauenzimmern – ein Blick auf Güglingen (links oben) und von Güglingen in die Welt.

Alle Szenen sind begleitet, umrankt, flankiert von Pflanzen, riesenhaften, sich windenden Blumen und Bäumen.

Die Fruchtbarkeit als ein Leitmotiv der Künstlerin wird besonders deutlich in Bild IV, hier bezogen vor allem auf die Frucht hervorbringende Landschaft des Zabergäus: ein gigantischer Weinblattbaum, Trauben und – ganz klein, aber zentral, die Gugel, eine mittelalterliche Kopfbedeckung, die das Stadtwappen ziert.

Alpenglühen

Inspiriert zu diesem Kunstwerk hatte Joachim Schmettau wohl ein Naturerlebnis: das wörtliche Alpenglühen beim Sonnenuntergang über den Bergen, dessen Effekt er durch die unterschiedliche Bearbeitung der Oberfläche in das Relief mit eingebracht hat – je nach Lichteinfall blitzen einzelne Partien auf, leuchten, glühen.

Die Grundszenerie einer zentralen, alles in Licht und Farbe tauchenden, pharaonenartigen Sonne, eines schroffen Felsgesteins und eines über dasselbe fegenden Windes – schriftlich ins Bild gesetzt – ist zu erahnen. Doch sie wird, unerwartet für ein Naturschauspiel, bevölkert von einer schier unüberblickbaren Zahl an Figuren, menschlichen, unmenschlichen, übermenschlichen, ganz fleischlichen und fast abstrakten Wesen, die in altmeisterlicher Manier interagieren und Dutzende kleine Bilder im Bild in Szene setzen.

Objekt Nr. 22: Joachim Schmettau, Alpenglühen, Bronze 1971/72
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Objekt Nr. 22: Joachim Schmettau, Alpenglühen, Bronze 1971/72

Phalanx

Zu sehen ist eine eng geschlossene Reihe oder eher Ansammlung von Gesichtern, alle frontal zum Betrachter ausgerichtet. Sie drängen sich Wange an Wange, Mund an Stirn, überlagern einander, verletzen einander, geben ein darunter liegendes Gesicht frei.

Der Titel bezieht sich auf das griechische Wort phálanx, das u. a. eine Schlachtreihe meint, eine eng geschlossene Formation im Kampf. Tatsächlich fühlt man sich an Rüstungen erinnert, die Gesichter dringen geballt auf den Betrachter ein. Doch sind es Kämpfer? Mit verschlossenen Augen, von keinerlei Emotion gezeichneter Mimik? Oder doch eher Verletzte, Versehrte? Schicht um Schicht sind sie gleichzeitig überdeckt und freigelegt, verhüllen und geben preis.

Im Figurenideal wie im Titel ist ein Bezug auf die Antike zu erkennen, die Stillings Kunst kennzeichnet. So finden sich in Güglingen, wo der Künstler neben Pietrasanta (Italien) lebt und arbeitet, noch weitere Figuren der antiken Mythologie, wie Sie bei Ihrem weiteren Rundgang sehen können.

Objekt Nr. 23: Gunther Stilling, Phalanx, Bronze 1981
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Objekt Nr. 23: Gunther Stilling, Phalanx, Bronze 1981
Objekt Nr. 24: A. E. Faiss, Keramik Kapitelle, Keramik, glasiert 1980
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Objekt Nr. 24: A. E. Faiss, Keramik Kapitelle, Keramik, glasiert 1980
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Keramik Kapitelle

Wie an vielen Orten in Güglingen sollten Sie auch beim ehemaligen Bandhaus einen Schritt über die Schwelle tun. Sie werden dafür in mehrfacher Hinsicht belohnt. Nicht nur durch ein kulinarisches, sondern auch durch ein künstlerisches Reiseangebot. Wo es auf Tellern und in Gläsern in aller Herren Länder, aber auch in die nächstgelegene Heimat geht, da bieten Säulen, Wände, Nischen, Fenster Reisen in künstlerische Fantasiewelten.

In den Fenstern ranken sich florale Ornamente, in den Laibungen tummeln sich menschlich-pflanzliche Mischwesen von Ursula Stock (s. voriges Objekt), von den Säulen blicken Figuren aus Sage und Mythologie auf uns nieder. Es ist ein Ort der Muße und des Genusses, an dem man auch das Auge verwöhnen kann mit farbenfrohem, lebendigem, lustvollem, in den Raum wucherndem Raumschmuck.

Ein Schalk (der berühmte Till?) lacht auf uns herab. Oder sollen wir über ihn lachen, wo doch seine Schellen zu Früchten werden? Einer Venus gleich taucht eine Schöne aus vegetabilem Dickicht, doch auch sie scheint kein Wasser-, sondern ein Erdwesen zu sein – eine Traube in der Hand. Selbst die Füllhörner des Triton quellen über vor Trauben – wie könnte es anders sein im Zabergäu!

Kachelofen

Ursprünglich bekrönte die Figur den Kachelofen – ein altes Ausstattungselement eines Gastraumes, in zeitgenössischen Formen und Farben interpretiert. Was haucht die Badende (Nixe, Elfe?) in den Raum? Auf welche Erde, welchen Himmel weist ihre Geste? Von wo blickt die selbstbewusste Liegende auf den Ofenkacheln zu uns?

Objekt Nr. 25: A. E. Faiss, Kachelofen Keramik, glasiert 1980
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Objekt Nr. 25: A. E. Faiss, Kachelofen Keramik, glasiert 1980
Kunst Herzogskelter
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Stadtgraben

Auch in „zweiter städtebaulicher Reihe“ stößt man auf historische Spuren, auf durchdachte architektonische Konzepte und auf Kunstobjekte. Der Stadtgraben markierte einst, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, die Grenze des durch die Stadtrechte definierten Rechtsbereichs. Noch heute lässt sich dieser gut im Stadtplan ablesen. Auch nach den Bränden 1849/50 wurde der einstige Graben nicht überbaut, sondern als eine Art Feuerschneise freigelassen. Der Ort wurde entlang der Marktstraße nach Osten und nach Westen erweitert, nicht aber nach Norden. Heute wird das Areal von der Realschule bestimmt, die immer weiter gewachsen ist. Wer genau hinschaut, wird auch in der zur Kleingartacher Straße ausgerichteten Schulerweiterung von 1985 Elemente der Stadtkernsanierung wiedererkennen. Die neueste Erweiterung spricht eine ganz aktuelle architektonische Sprache.

Eisengussteile - Rostende Schüler

Eine Beschreibung von Heinz Rall selbst:

„Um Mißverständnissen vorzubeugen – die vier seltsamen, angerosteten Figuren sollen kein Kunstwerk im traditionellen Sinne sein. Es sind aus dem Schrotthaufen ausgesuchte Überreste des vor einigen Jahren ausgebauten alten Heizkessels der Schule. Diese Eisengußteile in ihrer skurrilen, technisch perfekt und kompliziert gebauten Form erschienen mir so originell und anregend, daß ich sie als Erinnerungsobjekt in einer verfremdeten Darstellung erhalten wollte. Die vier imaginären Figuren geben Zeugnis aus einer technisch bereits überholten Epoche, sie sind aber auch ein Hinweis auf die abstrakte Ausdruckskraft mancher industrieller Produkte. Durch die Komposition der Elemente auf einer irrealen Treppe soll die Fantasie des Betrachters angeregt und die rostigen Fragmente in eine neue spielerische Bildwelt umgesetzt werden.“

Objekt Nr. 26: Heinz Rall, Eisengussteile – Rostende Schüler, Metallguss 1982
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Objekt Nr. 26: Heinz Rall, Eisengussteile – Rostende Schüler, Metallguss 1982

Ein Rahmen für Geschichten

Der Künstler arbeitet meist direkt aus dem Stein und lässt sich von ihm, seinen Höhlungen und den im Arbeitsprozess entstehenden Ansichten leiten und verleiten zu neuen Formen. Dabei ist ihm stets der Bezug zum Menschen, sind ihm Gewichtungen und Proportionierungen wichtig. So kann auch hier der Betrachter sich vor, neben, in diesen Rahmen – ein wiederkehrendes Motiv bei Nadj – stellen, hindurchblicken, sich den Blick versperren lassen. Es ist ein Rahmen, in den hinein man, aus dem heraus man Geschichten lesen darf – Titel und Anklänge an Buchseiten sind sicher nicht unabsichtlich gewählt an diesem Standort, denn die städtische Mediothek ist der Rahmen tausender Geschichten.

Objekt Nr. 27: Josef Nadj, Ein Rahmen für Geschichten, Granit 2001
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Objekt Nr. 27: Josef Nadj, Ein Rahmen für Geschichten, Granit 2001

Die Vorsehung

Mit Jozef Jankovič ist in Güglingen einer der führenden slovakischen Künstler seiner Generation vertreten. Im Hof zwischen Realschule und Mediothek, einem lauschigen Ort des Müßiggangs, befindet sich ein unbequemes, zum Nachdenken stimmendes Kunstwerk. In kräftigen Farben zwar, aber doch beängstigend. Fingerpuppen, die nur sein können, was der Spieler vorgibt. Die ins Wasser gleiten, wenn nicht auf sie geachtet wird. Ohne die Möglichkeit, den ertrinkenden Gefährten zu retten. Das Ringen um Freiheit, Unterdrücktsein, Zwang, Ausgeliefertsein an politische Macht sind wichtige Themen im Werk des Künstlers – zu betrachten auch vor dem Hintergrund seiner Herkunft.

Objekt Nr. 28: Jozef Jankovič, Die Vorsehung, Polyester, bemalt 1993
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Objekt Nr. 28: Jozef Jankovič, Die Vorsehung, Polyester, bemalt 1993

Die Zeitschwangere

Ein weiteres Zwitterwesen – verwandt mit dem des Weinbrunnens, aber doch ganz anders. Aus der Verschmelzung zweier Figuren (Mann, Frau?) blickt zyklopenhaft ein waches Auge auf den Betrachter, das links daneben wacht auf, das rechts daneben ist eingeschlafen. Hier lohnt es sich, alle Details in Ruhe zu betrachten und sich seine Gedanken zu machen über die Flüchtigkeit der Zeit (Flöte), den Wechsel der Gemütszustände, der Tageszeiten, der Lebensalter, den Rhythmus des Werdens und Vergehens.

Objekt Nr. 29: Wolfgang Knorr, Die Zeitschwangere, Bronze 1987
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Objekt Nr. 29: Wolfgang Knorr, Die Zeitschwangere, Bronze 1987

Trinkbrunnen

Selbst ganz gewöhnliche Gebrauchsgegenstände sind in Güglingen vielerorts künstlerisch gestaltet – hier z. B. der Trinkbrunnen vor der Realschule.

Objekt Nr. 30: Ursula Stock, Trinkbrunnen, Beton, Aluminium, bemalt 1985
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Objekt Nr. 30: Ursula Stock, Trinkbrunnen, Beton, Aluminium, bemalt 1985
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Gartacher Hof

Im Nordwesten des alten Ortskerns ist in den 1980er Jahren ein ganz neues Quartier entstanden. Auf der Fläche eines Handwerksbetriebs wurde ein Komplex geplant, der verschiedene Funktionen aufnehmen und so zur modernen städtischen Infrastruktur beitragen sollte.
Neben betreuten Wohnungen für ältere Mitbürger finden sich im Gartacher Hof Eigentums- bzw. Mietwohnungen, ursprünglich auch Praxen und Läden. Das Zentrum, das „Herz“ bildet ein kleiner sechseckiger Pavillon, verglast, um in alle Richtungen zu vermitteln. Er wurde als Begegnungsstätte und kommunikativer Mittelpunkt geplant.
Auch dieser Ort blieb nicht ohne künstlerische Zutat:
Vor allem rund um den eigentlichen Hof laden sie zu
unterschiedlichen Betrachtungen ein.

Pentagramm

Der Künstler Bernd Wilhelm Blank ist bekannt für seine kinetischen Objekte, deren Konstellationen sich im Wind immer wieder neu bilden. Hier ist nicht das Kunstwerk beweglich, sondern die Bewegung des Betrachters ist gefordert, um das eigentliche Pentagramm, das Fünfeck, zu bilden – oder aus verschiedenen Winkeln mannigfaltige geometrische Formen zu erkunden.

Objekt Nr. 31: Bernd Wilhelm Blank, Pentagramm, Edelstahlrohr 1995
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Objekt Nr. 31: Bernd Wilhelm Blank, Pentagramm, Edelstahlrohr 1995

Figur 1000

Der Name von Horst Antes‘ Figur 1000 ist Programm:

Der Künstler hat tausend Exemplare des Werks ausgeführt, nummeriert und signiert. Zwillingsbrüder der Güglinger Figur finden sich u. a. in den USA, Japan oder Korea.

Objekt Nr. 32: Horst Antes, Figur 1000, Stahlblech mit Patina 1994
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Objekt Nr. 32: Horst Antes, Figur 1000, Stahlblech mit Patina 1994

9. Längengrad

Was haben Güglingen, Bückeburg und Hamburg-Altona gemeinsam? Sie sind durch eine unsichtbare Linie miteinander verbunden, von der ein Stück hier in Güglingen sichtbar gemacht wurde. Auf die ehemalige Zehntscheuer (heute Volksbank) und hier auf den Pavillon im Gartacher Hof zu verläuft der 9. Längengrad.

Der slowakische, auf Keramik spezialisierte Künstler Juraj Marth hat die Verbindung von Güglingen in die Welt – ja in den Kosmos – in aquarellener Farbigkeit und geometrisch bestimmter Grafik verbildlicht. Einmal mehr zeigt sich in der Formensprache wie im Material die enorme Vielfalt der in Güglingen ausgeführten Kunstwerke.

Objekt Nr. 33: Juraj Marth, 9. Längengrad, Steingut, glasiert 1994
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Objekt Nr. 33: Juraj Marth, 9. Längengrad, Steingut, glasiert 1994

Flieger

Wer sich bei der Figur an jene an der Seite von Frau und Kind im Atrium des Rathauses erinnert fühlt, liegt richtig. Auch hier reckt ein Mann sich nach den Sternen, aber auf andere Art, konkreter: Er lässt einen Flieger in die Lüfte gleiten und ist doch selbst der Flieger – denn der eigentümliche Pilot auf Zehenspitzen ist eine Hommage von Ursula Stock an ihren Mann Heinz Rall. Bevor er ab 1947 in Stuttgart Architektur studierte, war dieser nämlich Kapitän der Luftwaffe.

Objekt Nr. 34: Ursula Stock, Flieger, Bronze, Edelstahl 2004
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Objekt Nr. 34: Ursula Stock, Flieger, Bronze, Edelstahl 2004

Cavalli

Es ist ein eklatanter Gegensatz, der die Künstlerin an diesem Motiv reizt, der nämlich zwischen absoluter Dynamik und völligem Stillstand. Denn es scheint nur einen Moment zu geben, in dem ein Pferd seinen Kopf in der gezeigten Weise überstreckt: den seines eigenen Todes. Die ganze Kraft und Spannung, die dabei zutage tritt, wird unterstrichen durch das Spiel mit der Oberfläche, die mal glatt, mal gebändert, mal geädert erscheint. So, wie das Tier seit Jahrtausenden als kraftvolles Nutztier dem Menschen hilfreich zur Seite stand, Land urbar machte, Wägen zog, tritt es auch hier in dienender Gestalt auf. Es beschert, in dreifacher, variierter Ausfertigung, entgegen seinen üblichen Aufgaben, dem Platz sein erfrischendes Zentrum.

Objekt Nr. 35: Ursula Stock, Cavalli, Bronze 1994
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Objekt Nr. 35: Ursula Stock, Cavalli, Bronze 1994
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Adlereck/ Zehntscheuer

Das großzügig dimensionierte Lager für Frucht (Feldfrucht, also Getreide) und Obst erzählt von der Menge früherer Steuereinnahmen – denn nichts anderes waren der hier gelagerte Haber und Weizen! Die Zehntscheune entstand 1563–1567 unter Herzog Christoph. Ihr herrschaftliches Dasein fand aber spätestens mit dem 19. Jahrhundert ein Ende, als der Naturalzehnt durch Geld abgelöst wurde – das Gebäude verfi el zunehmend. 1976 von der Volksbank gekauft und zum Abbruch vorgesehen, stellt die Scheuer den Ausgangspunkt der Stadtkernsanierung dar. Ihr gegenüber entstand im Zuge der zweiten Sanierungsetappe ab 1983 ein neues Quartier, das Geschäfts-, Gastronomie- und Wohnfunktionen
geschickt auf kleinstem Raum verdichtet.

Cosmic

Ottmar Mohrings Steinskulpturen sind geprägt von einer differenzierten Oberflächenbehandlung und von der Kombination geometrischer und pflanzlicher Elemente zu kleinen, kompakten Körpern. Meist arbeitete er in Serien.

So ist auch Cosmic eines von knapp 40 Stücken einer Reihe, die zwischen 1974 und 1983 entstand

Objekt Nr. 36: Ottmar Mohring, Cosmic, Kalkstein 1984
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Objekt Nr. 36: Ottmar Mohring, Cosmic, Kalkstein 1984

Historischer Adler mit neuen Schwingen

Vielerorts sind kunstvoll gestaltete Wirtshausschilder noch die letzten Zeugen historischer Gaststuben. Dieses hier, am Standort des abgebrochenen Gasthauses „Zum Adler“, hat ein neues Gewand bekommen und wurde wiederum zum Namensgeber des neu bebauten Areals. Wie so oft in Güglingen ein hinweisendes Spiel, ein offener, formal freier Umgang mit der baulichen und künstlerischen Geschichte des Ortes.

Objekt Nr. 37: Ursula Stock, Historischer Adler mit neuen Schwingen Eisen, Stahl, Aluminium 1840 und 1985
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Objekt Nr. 37: Ursula Stock, Historischer Adler mit neuen Schwingen Eisen, Stahl, Aluminium 1840 und 1985

Ikarus

Wieder ist es ein Versehrter, ein den Bedingungen Erlegener, den Gunther Stilling hier zeigt; wieder eine Figur aus der Mythologie: Ikarus, Sohn des Daidalos, war mit diesem zur Strafe für einen vermeintlichen Verrat im Labyrinth des Königs Minos auf Kreta gefangen. Sein gescheiterter Befreiungsversuch ist bekannt: Die mit Wachs versehenen Flügel schmolzen, als Ikarus sich trotz der Warnungen zu sehr der Sonne näherte. Stillings Ikarus, den man erst bemerkt, wenn man den Blick hebt (und dessen dem Architekten Rall ähnelnde Gesichtszüge man erst recht nicht wahrnehmen kann), der wie ein Wetterhahn das Adlereck krönt, wirkt wie aufgehängt an den überdimensionalen Streben des menschenfeindlich wirkenden Konstrukts.

Objekt Nr. 38: Gunther Stilling, Ikarus, Bronze 1985
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Objekt Nr. 38: Gunther Stilling, Ikarus, Bronze 1985

Kleiner Schritt nach vorn

Die Plastik bringt ein Gestaltungselement in den Stadtraum, das bei den anderen Bildwerken nicht zu finden ist: Farbe!

Tatsächlich interessiert sich der Künstler nicht nur praktisch für deren Wirkweise, sondern auch theoretisch, denn er setzt sich seit langer Zeit mit Farbfassungen antiker und mittelalterlicher Skulpturen auseinander. Bemerkenswert ist zudem, wie hier mit Materialität gespielt und der Schaffensprozess verbildlicht wird: Die Figur, die wie aus einem großen Block gehauen wirkt und gleichzeitig auf einer Art Bearbeitungs-/Ausstellungssockel steht, ist nicht als Bronzeplastik zu erkennen, sondern suggeriert mit den Riefen und Beilspuren die rudimentäre Bearbeitung eines Holzblocks.

Objekt Nr. 39: Wolfgang Thiel, Kleiner Schritt nach vorn, Bronze, bemalt 1996
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Objekt Nr. 39: Wolfgang Thiel, Kleiner Schritt nach vorn, Bronze, bemalt 1996

Türgriff

Wie Sie inzwischen sicher gesehen haben, ist das „Kunst auf Schritt und Tritt“ in Güglingen ganz wörtlich zu nehmen. Tatsächlich zieht sich die ästhetische Durchgestaltung des Stadtraums bis unter die Fußsohlen – in Form der zahlreichen Bodenmosaiken, die inzwischen als historische Hinweise gelesen werden können, wenn sie auf alte Geschäfte deuten, die heute anders bespielt werden.

Selbst so mancher Türgriff erweist sich unter der Hand und dem Blick des Besuchers als kleines Kunstwerk. So kriecht zwischen die Finger des in die ehemalige Apotheke Eintretenden so manches Getier, für das die Alchemie oder alte Heilkunde sicher das ein oder andere Einsatzgebiet kannte. Reale tierische und Fantasiewelt versammeln sich in diesem winzigen Kosmos.

Objekt Nr. 40: Hans Nübold, Türgriff, Bronze 1980
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Objekt Nr. 40: Hans Nübold, Türgriff, Bronze 1980
Objekt Nr. 40: Hans Nübold, Türgriff, Bronze 1980
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Objekt Nr. 40: Hans Nübold, Türgriff, Bronze 1980

Sphinx

gesichert und verwaltet werden, lagerten früher die landesherrlichen Steuereinnahmen in Form von Naturalabgaben.

Wie passend, dass sich vor diesem „Schatzlager“ ein Wesen eingefunden hat, das antiken Völkern oft als Wächterfigur diente, den Ägyptern wie später den Griechen, die sie durch die Ödipus-Sage zu Berühmtheit gebracht haben (Dort gibt sie Rätsel auf und erwürgt, wer sie falsch beantwortet.).

Gunther Stilling interessierte offensichtlich die formale Neuinterpretation dieser Figur, von der nahezu jeder ein Bild im Kopf hat – sei es vom Werbeplakat einer Kreuzfahrt oder vom Asterix-Comic. Einmal mehr zeigt sich Stillings Interesse an antiken Sujets und antiker Formensprache.

Objekt Nr. 41: Gunther Stilling, Sphinx, Kalkstein 1983
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Objekt Nr. 41: Gunther Stilling, Sphinx, Kalkstein 1983
Objekt Nr. 42: Guido Messer, Arm und reich, Bronze 1978
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Objekt Nr. 42: Guido Messer, Arm und reich, Bronze 1978
Objekt Nr. 42: Guido Messer, Arm und reich, Bronze 1978
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Objekt Nr. 42: Guido Messer, Arm und reich, Bronze 1978

Arm und reich

Wie schon bei den Einigkeit ausströmenden (oder heuchelnden?) Damen vor dem Rathaus stellt Guido Messer auch hier die bittere, vom Ironischen oft auch ins Zynische kippende Beobachtungsgabe menschlichen Verhaltens unter Beweis.

Das eine Medaillon zeigt einen auf der nördlichen Erdhalbkugel sitzenden, feisten, nackten Mann. Worüber er so selbstzufrieden-hämisch lacht, ist unzweideutig – es quillt ja förmlich aus ihm heraus. Säcke voll Reichtümern hält er dem Betrachter triumphierend entgegen.

Das andere Medaillon zeigt, was sich auf der anderen Seite der Erdkugel tut. Die ausgemergelte, verzweifelte Figur schaut der feiste „Geldscheißer“ wörtlich nicht einmal mit dem Allerwertesten an.

Die besondere Finesse bei diesen beiden Werken ist ihr ursprünglicher Anbringungsort: Mit gewisser Selbstironie ließ die Bankfiliale diese beiden Reliefs ursprünglich als Türgriffe anbringen. So konnte ein jeder Besucher selbst entscheiden, welchen er in die Hand nahm. Das bei Guido Messer übliche Spiel mit dem Betrachter erhielt so eine ganz besondere, eine aktive Note.

Der Wächter

Die Kunstwerke im Güglinger Stadtraum entfalten ihre Wirkung oft durch den spezifischen Ort, an dem sie sich befinden. So kann nicht nur die Spinx in ihrer Aussage gut auf die ehemalige Zehntscheuer bezogen werden, sondern auch dieser Wächter.

Doch wieviel Schutz kann er bieten? Zwar würde seine Haltung eine Waffe – einen Speer, eine Lanze? – vermuten lassen, doch seine Hand ist leer. Was aber vor allem auffällt, ist der ungleiche Schutz der eigenen Köperpartien: Hinterkopf und Kinn umgibt ein seltsamer Helm, das empfindliche Zentrum aber, Augen, Nase und Mund, sind frei und nicht mehr unversehrt. Auch die übrige Art Rüstung ist mehr als unzureichend, scheint eher festzuketten als zu schützen – die Füße sind geradezu in einen Sockel gegossen. Ein Maschinenmensch? Ein Schützender oder ein Schutzbedürftiger?

Richard Heß nutzt Gegensätze und Widersprüche oft als Möglichkeiten, um auf größere menschliche, psychologische oder gesellschaftliche Zusammenhänge hinzuweisen.

Objekt Nr. 43: Richard Heß, Der Wächter, Bronze 1979
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Objekt Nr. 43: Richard Heß, Der Wächter, Bronze 1979

Il Guardiano

Um die Reihe der Wächter komplett zu machen: Hier findet sich ein dritter. „Il Guardiano“ steht etwas abseits des Ortskerns, am unteren Ende der Klunzinger Straße, die hinter dem Alten Rathaus in Richtung Zabertal führt.

Der Titel und die Konstellation lassen an eine menschliche Figur denken. Aber letztlich ist es nur unsere Fantasie, die die geometrischen Formen zu etwas Erzählerischem zusammenfügt.

Carlo Manini ist ein bedeutender italienischer Bildhauer seiner Generation, dessen Markenzeichen das Spiel mit geometrischen Grundmotiven und die perfekte Glätte der Oberflächen sowie das hochwertige Steinmaterial sind. Diese Merkmale zeigen eine Verwandtschaft zu den Werken anderer Künstler seiner Heimat, vor allem Architekten, die man unter der Bezeichnung „Tessiner Schule“ kennt.

Objekt Nr. 44: Carlo Manini, Il Guardiano, Grüner Granit 1986
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Objekt Nr. 44: Carlo Manini, Il Guardiano, Grüner Granit 1986

Frauenzimern & Eibensbach

Die heute aufs Engste mit Güglingen verwobenen, 1971 und 1975 eingemeindeten Dörfer bringen beide ihre eigene(n) Geschichte(n) und über Jahrhunderte
gewachsene bauliche Strukturen mit ein in das Bild
der heutigen Stadt: Frauenzimmern seine bis auf vorrömische Zeit zurückreichende Siedlungsgeschichte, eine lange kirchliche Tradition, das einstige Zisterzienserinnenkloster, dem es seinen Namen verdankt;
Eibensbach u. a. den Bezug zur im Wald verborgenen
staufi schen Burg Blankenhorn. Stattliche Fachwerkund kleine Bauernhäuser dokumentieren diese Vergangenheit, in die moderne Kunstzeugnisse gestreut sind.

Brunnenweible

Es ist zwar keine alltägliche Verrichtung mehr, die man hier sieht, eher ein Blick in eine vergangene Zeit, als man noch zum Dorfbrunnen ging, um Wasser für Haus und Hof zu holen. Aber doch ist es eine Szene, die jedem vertraut erscheint. Als wäre es die Nachbarin, mit der man gleich ein Pläuschchen halten kann. Der Künstler versteht es, gewöhnliche Handlungen mit Witz und Einfühlungsvermögen zu schildern. Dabei hat er Brunnenweible und Katze gekonnt in das historische Bauensemble integriert: Der Brunnen, einstiges kommunikatives Zentrum von Eibensbach, ist eine Einrichtung des 19. Jahrhunderts und zeugt von der damals schon industriellen Eisengussproduktion.

Die Eimerfrau hingegen ist ein individuell gefertigtes Einzelstück – so fügen sich auch hier Alt und Neu zu einem ortsbaulich und künstlerisch attraktiven Mittelpunkt.

Objekt Nr. 45: Martin Kirstein, Brunnenweible, Bronze 1988
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Objekt Nr. 45: Martin Kirstein, Brunnenweible, Bronze 1988

Windblüten

Die Welt, aus der Hans Bäuerle schöpft und auf deren Gebiet er seiner Fantasie freien Lauf lässt, ist die der Pflanzen. Mit unterschiedlichsten Zugängen, mit intensiven Farben und freien Formen nähert er sich dieser Welt immer wieder aufs Neue. In Frauenzimmern entwachsen so der sonst perfekt getrimmten Wiese vor der Riedfurthalle drei fremdartig anmutende, überdimensionale Blumen, die zum Betrachten der eigentlichen, „echten“ Natur rundum anregen.

Objekt Nr. 46: Hans Bäuerle, Windblüten, Polyester, bemalt 2000
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Objekt Nr. 46: Hans Bäuerle, Windblüten, Polyester, bemalt 2000